Interview: Barbara Vorsame
Der Unionspolitiker Bosbach fordert, alle Konvertiten zentral zu registrieren. Abdullah Uwe Wagishauser, selbst Konvertit und Vorsitzender einer Gemeinde, hält das für ungeheuerlich – und unmöglich.

Abdullah Uwe Wagishauser ist Vorsitzender der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Frankfurt. Er ist mit 28 Jahren zum Islam übergetreten. Foto: Ahmadiyya Muslim Gemeinde
Abdullah Uwe Wagishauser: Das widerspricht dem Prinzip der Religionsfreiheit völlig. Religion ist privat. Das grenzt an Methoden des Radikalenerlasses – wie damals, als es verboten war, der Kommunistischen Partei beizutreten.
Wie soll das auch gehen? Wenn jemand anfängt, sich mit Buddhismus oder Hinduismus zu beschäftigen, kann man das nicht registrieren. Außerdem ist es gar kein offizieller Akt, Muslim zu werden.
Ich sage: “La ilaha illa llah”, also: “Es gibt keinen Gott außer Gott”, und schon bin ich Muslim. Das ist eine Entscheidung des Herzens, die den Staat gar nichts angeht.
Diesen Akt kontrollieren zu wollen, ist an den Haaren herbeigezogen.
sueddeutsche.de: Warum tritt jemand überhaupt zum Islam über?
Wagishauser: Weil er nach Wahrheit sucht. Viele Menschen sind mit ihrer Religion unzufrieden, sie haben keine Antworten auf ihre Fragen. Also machen sie sich auf die Suche nach dem Sinn.
Ich selbst bin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten und habe dann zehn Jahre lang gesucht, bis ich den Islam für mich entdeckt habe. Andere landen beim Buddhismus oder treten Attac bei.
sueddeutsche.de: Ist Ihrer Meinung nach etwas dran an der Schlussfolgerung von Bosbach, Konvertiten seien radikaler als andere Muslime?
Wagishauser: Nein, das lässt sich überhaupt nicht so sagen. Ich glaube, wenn man hier eine statistische Untersuchung durchführt, findet man unter Konvertiten nur einen ganz geringen Prozentsatz an Radikalen, genauso wie unter den anderen Muslimen.
Es gibt natürlich Leute, die sowieso hochgradig anfällig für radikales Gedankengut sind. Aber das hat nichts mit Religion zu tun. Ein eindeutiges Profil, an dem man radikale Muslime erkennen, und anhand dessen man sie registrieren kann, gibt es nicht.
sueddeutsche.de: Diese wenigen können dem Staat allerdings sehr gefährlich werden. Wie kann sich der Staat hier schützen?
Wagishauser: Durch enge Zusammenarbeit mit den Muslimen in Deutschland. Es ist Sache der Gemeinden, auf ihre Mitglieder zu achten, nicht Sache des Staates, sie zu registrieren.
sueddeutsche.de: Was müssen die muslimischen Gemeinden in Deutschland tun?
Wagishauser: Sie müssen sicherstellen, dass Terroristen in ihnen keine Heimat finden. In den Gemeinden bekommt man mit, wenn Leute auf verquere Ideen kommen, wenn sie sich vom normalen Islam abwenden und sich dem radikalen Islamismus zuwenden.
sueddeutsche.de: Und dann?
Wagishauser: Müssen die Gemeinden die Behörden auf auffällig gewordene Personen aufmerksam machen. Konvertiten von vornherein zu registrieren, das ist zu extrem.
sueddeutsche.de: Glauben Sie wirklich, dass eine derartige Selbstkontrolle der muslimischen Gemeinden funktioniert?
Wagishauser: Anders geht es nicht. Die Behörden müssen das aber einfordern, und die Gemeinden müssen sich drum kümmern. Es darf in den Gemeinden nicht nur Vereinsmeierei stattfinden.
Man sollte auch in der Gesellschaft mehr über Inhalte sprechen. Beispiel Islamunterricht in den Schulen. Es wird immer wieder diskutiert, aber nie geht es darum: Was wird da überhaupt unterrichtet? Dabei ist das die wichtigste Frage. Nur wenn ich diese beantworte, kann ich über den Sinn und Unsinn von Islam in den Schulen reden.
(sueddeutsche.de)